„Der kurzfristige Handel wird eine immer größere Rolle spielen“ – ein Interview mit Oliver Maibaum

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(c) Maibaum

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Wie geht es mit dem Energiehandel weiter? Diese Frage möchten wir an dieser Stelle nicht selbst einschätzen, sondern von führenden Köpfen der Energiehandels-Branche beantworten lassen. Vor zwei Wochen hat ein Gespräch mit Stefan Judisch und Dr. Markus Krebber den Startschuss für unsere lose Interview-Serie gegeben, mit der wir unsere Stu­die zur Zukunft des Ener­gie­han­dels begleiten. (Wenn Sie an der Studie teil­neh­men möch­ten, fin­den Sie wei­tere Infor­ma­tio­nen und den Fra­gen­bo­gen hier (dt./engl.)).
Heute möchten wir den Diplom-Politologen Oliver Maibaum zu Wort kommen lassen.

Näher am Zentrum des europäischen Energiehandels kann man eigentlich nicht sein. Oliver Maibaum war bei der European Energy Exchange AG (EEX) in Leipzig 12 Jahre lang in verschiedenen Positionen tätig, unter anderem als Geschäftsführer und Senior Vice President Customer Relations. Er war damit maßgeblich am Aufbau der Leipziger Börse beteiligt. Seit 2012 ist Oliver Maibaum bei dem Energiehandelsunternehmen Griffin Markets als Executive Managing Director Continental Europe für den OTC-Handel zuständig.

Wir freuen uns, dass wir Oliver Maibaum für unsere Serie zur Zukunft des Energiehandels gewinnen konnten.

 

Sehr geehrter Herr Maibaum, 

vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen. Lassen Sie uns doch einfach direkt einsteigen und uns den heutigen Markt etwas genauer anschauen.

Energieblog: Wie werden sich die Volumina der Standardprodukte im Energiehandel entwickeln? 

Maibaum: Basierend auf den Zahlen und Berichten der London Energy Broker Association (LEBA) für das Jahr 2014 lassen sich verschiedene Trends bei der Entwicklung der Handelsvolumina feststellen.

In den europäischen Gasmärkten (NBP, TTF, NCG, GasPool, PEG, Austria VTP, Zeebrugge) und in UK Power gab es 2014 ohne Ausnahme Zuwächse in den Handelsvolumina im Vergleich zum Jahr davor. Dabei stechen der TTF (+ 54 Prozent), der VTP in Österreich (+ 60 Prozent) und der italienische Gashandelsmarkt PSV (+ 83 Prozent) besonders heraus. Dieser Trend wird sich meines Erachtens für diese Märkte auch in den nächsten Jahren fortsetzen.

Einen anderen Trend erleben wir momentan in den europäischen Strommärkten. Dort entwickeln sich die beiden liquidesten Strommärkte Deutschland (- 18 Prozent) und Skandinavien (- 17 Prozent) eher rückläufig. Hingegen weniger liquide Strommärkte wie Frankreich (+ 83 Prozent) und Italien (+ 16 Prozent) erleben einen Aufschwung. Die Ursachen für den Rückgang in Deutschland, der nach wie vor als Leitmarkt fungiert, sind sicherlich in verschieden Punkten zu suchen: Die unsicheren politischen Rahmenbedingungen nach dem plötzlichen Ausstieg aus der Kernenergie wirken sich negativ auf den langfristigen Handel aus. Auch der weitere Zubau von Erneuerbaren-Energien-Anlagen bringt es mit sich, dass der Fokus mehr und mehr auf dem kurzfristigen Stromhandel liegt. Dazu kommen die Abschreibungen des deutschen Kraftwerksparks aufgrund eines andauernden Strompreisverfalls und der damit verbundene Wegfall von Erzeugungskapazitäten. Und schließlich haben sich eine Reihe von Banken aus dem Energy Commodity Handelsgeschäft im Zuge der Finanzkrise zurückgezogen; prominente Beispiele hierfür sind die Deutsche Bank und Merrill Lynch.

Energieblog: Das klingt nach tiefgreifenden Umwälzungen im Energiehandel. Wird es denn auch neue Produkte oder sogar neue Marktplätze geben?

Maibaum: Bezüglich neuer Standardprodukte erwarte ich keine dramatischen Neuerungen im OTC-Markt. Es werden sicherlich weitere Überlegungen stattfinden, wie man den Zuwachs an Erneuerbarer Energie produktseitig für den Stromhandel besser abbilden kann, Stichwort Wind-Futures; grundsätzlich denke ich aber, dass die vorhandenen Standardprodukte ausreichen.

Bezüglich weiterer Marktplätze ist der Start kleinerer lokaler Spotbörsen sehr wahrscheinlich, so wie sie für Kroatien und Serbien geplant sind.

Energieblog: Apropos Wind-Futures – Den Durchbruch bei Wetterderivaten erwartet man ja schon länger, da die Stromeinspeisung und damit auch der Strompreis zunehmend von Wetterphänomenen abhängen, durch die wachsende Einspeisung von Wind- und Sonnenenergie.

Maibaum: Das Thema Wetterderivate wird in Deutschland auch weiterhin in den Kinderschuhen stecken bleiben. Ich glaube, die Aufgaben der Wetterexperten werden sich darauf beschränken, Analysen und Prognosen für den Strom- und Gashandel zu erstellen und nicht auf das Wetter selbst zu spekulieren. Mehr als drei Meteorologen pro größeren Tradingfloor wird man daher auch in Zukunft nicht brauchen.

Energieblog: Werden die Erneuerbaren Energien den Energiehandel denn grundsätzlich beeinflussen?

Maibaum: Wie bereits gesagt, wird der kurzfristige Handel eine immer größere Rolle spielen. Ich glaube aber nicht, dass sich die Strommärkte in einen grauen und grünen Strommarkt aufteilen werden, in dem ein Markt nur Strom aus Kohle- oder Gaskraftwerken handelt und ein weiterer nur Strom aus Wind oder Sonne. Dann schon eher ein Zertifikate-Markt als Nische.

Energieblog: Ein weiterer großer Umbruch der Energiewende ist der Wechsel von großen zentralen Anlagen zu dezentralen Erzeugungsanlagen. Wird es eine Anpassung der großen Handelshäuser geben, die sich wegorientieren von der Vermarktung zentraler Assets wie Großkraftwerke hin zu einer dienstleistenden Funktion für dezentrale Erzeuger?

Maibaum: Ja, eine solche Entwicklung ist durchaus vorstellbar, aber ich glaube nicht, dass sich dies negativ auf die Entwicklung der Großhandelsebene auswirken wird.

Energieblog: Es dürfte inzwischen einhellige Meinung sein, dass der entscheidende Punkt für die Zukunft des Energiesystems sein wird, ob wir es schaffen, ausreichende Flexibilität vorzuhalten, um auf die volatilen Einspeisungen im Strombereich reagieren zu können. Halten Sie das für ein Problem, das nur das Netz betrifft oder eines, das der Markt auch mit lösen soll?

Maibaum: Ich sehe hier vor allem den Bedarf für eine verbesserte verbrauchsseitige Flexibilität. Je besser eine Flexibilitätsadaption über die Nachfrage im Energiemarkt gelingt, desto weniger muss für die Vorhaltung der Versorgungssicherheit, zum Beispiel in Form von Überkapazitäten sowie Speicherung, aufgewendet und ausgegeben werden. Grundsätzlich bin ich ein Befürworter von Marktmechanismen, da diese in der Regel, abhängig vom Marktmodell, zu effizienten Preisen führen. Auch Netzbetreiber sollten stärker als Marktakteure in Erscheinung treten.

Energieblog: Wir haben neben dem Funktionieren des Systems, also der Versorgungssicherheit, auch immer noch das Ziel des Klimaschutzes. Wird der Emissionshandel das globale Klimaschutzinstrument bleiben können?

Maibaum: Das hängt davon ab, inwieweit es gelingt die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass ein Handelssystem auch funktionieren kann. Da scheint es mir auf europäischer Ebene noch klaren Nachholbedarf zu geben. Nationale Alleingänge sind auf jeden Fall nicht zielführend.

Energieblog: Was heißt das für das Zusammenwachsen des europäischen Energiemarktes?

Maibaum: Auch hier gilt: Sonderwege einzelner Länder bezüglich der Förderung Erneuerbarer Energien behindern eher das Zusammenwachsen zu einem gemeinsamen europäischen Energiemarkt. Das Zusammenwachsen wird stark davon abhängen, ob es zum Beispiel gelingt, den länderübergreifenden Ausbau der Stromnetze voranzutreiben. Derzeit ist die Marktkopplung aus meiner Sicht das Beste, was wir derzeit haben, um eine optimale Ausnutzung der vorhandenen Übertragungskapazitäten zu gewährleisten. Sie sollte aber kein Dauerzustand darstellen, da es aus heutiger Sicht an verschiedenen Grenzpunkten noch Optimierungsbedarf besteht und eine vollständige Angleichung der Preise noch nicht erreicht ist.

Energieblog: Vielleicht können wir noch einen kurzen Blick auf den Erdgasmarkt werfen: Wie sieht es mit Alternativen zur bisherigen Liefersituation aus, beispielsweise LNG (Liquified Natural Gas)?

Maibaum: Die gegenwärtige Situation führt den Westeuropäern sehr deutlich vor Augen, dass die Suche nach alternativen Versorgungsquellen vorangetrieben werden muss, um die Abhängigkeit von Russland zumindest nicht zu groß werden zu lassen. Fracking ist ein schwieriges Thema. Ich denke, dass es sich aufgrund der Umweltsensibilität in Deutschland nicht durchsetzen wird. LNG aber kann eine größere Rolle spielen. Die Gründe liegen auf der Hand: Der Bedarf an Erdgas in Deutschland und der EU steigt nach wie vor, gleichzeitig ist aber die europäische Erdgasförderung rückläufig. Mögliche LNG-Lieferquellen für Europa sind insbesondere der Nahe Osten sowie West- und Nordafrika.

Energieblog: Werden wir auch im Energiehandel mehr algorithmischen bzw. Hochfrequenzhandel haben?

Maibaum: Grundsätzlich wäre der Eintritt von Algo- und Hochfrequenz-Tradern begrüßenswert. Es wäre jedoch zu überprüfen, ob die derzeit im Einsatz befindlichen Systeme mit den Anforderungen einen Algo- bzw. Hochfrequenz-Trader tatsächlich standhalten können. Neben technischen Voraussetzungen ist jedoch auch zu bedenken, ob die vorhandene Liquidität und Volatilität in den Märkten ausreicht, um solche Trader-Typen anzuziehen. Da habe ich momentan meine Zweifel.

Energieblog: Wie sehen Sie die Entwicklung, dass sich große IT-/Internetunternehmen immer mehr für den Energiemarkt interessieren? Werden bald Google, Apple und Telekom als weitere Händler präsent sein?

Maibaum: Ich denke, dass solche Spieler eher den Endkundenmarkt im Auge haben. Aufgrund der großen Vernetzung und Fülle an Kundendaten wäre ein solcher Schritt wahrscheinlicher.

Energieblog: Sehr geehrter Herr Maibaum, ganz herzlichen Dank für die Zeit, die Sie sich genommen haben, wir wissen das sehr zu schätzen!

IhrDerEnergieblog.de.