„Der Übergang in das Zeitalter der Digitalisierung wird sich auf alle Bereiche eines EVUs disruptiv auswirken“ – ein Interview mit Dr. Andreas Lied

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(c) BBH

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Während „Energiewende“ viele Jahre lang der zentrale Begriff in Fachdiskussionen war, ist das neue Trendwort längst „Digitalisierung“. Beiden Begriffen wohnt das Potential inne, traditionelle Systeme umzukrempeln, oder drastischer formuliert: einschneidend zu wirken. Während die Folgen durch die Energiewende für die Branche aber nun mittlerweile einigermaßen vorhersagbar und kalkulierbar sind, ist bei der Digitalisierung noch alles sehr vage und fremd. Wir haben uns deshalb – und anlässlich des 6. Geburtstags der Becker Büttner Held Consulting AG – mit dem Vorstand der Becker Büttner Held Consulting AG (BBHC) Dr. Andreas Lied unterhalten, welchen Herausforderungen sich die Branche in Zukunft stellen muss. Die BBHC wurde 2010 als Tochter von BBH gegründet, die die Rechtsberatung von BBH ergänzt.

Energieblog: Sehr geehrter Herr Dr. Lied, lassen Sie uns gleich zur Sache kommen: Digitalisierung ist ein Begriff, der vielen Akteuren aus der Branche Bauchschmerzen bereitet. Dabei klingt der Begriff doch eigentlich recht harmlos?

Andreas Lied: Der Begriff klingt harmlos, weil er sehr abstrakt ist und für sich erst einmal wenig Inhalt transportiert. Wenn man ihn paraphrasiert in „Die Energiewirtschaft wird digitalisiert“ wird das auch nicht wirklich besser. Fast möchte man antworten: „Ja, und?“ Interessant wird es erst, wenn man sich die verschiedenen Teilbereiche und Prozesse anschaut, die „digitalisiert“ werden sollen. Erst dann kann man eigentlich überhaupt darüber diskutieren.

Energieblog: Können Sie uns ein paar Einblicke geben?

Andreas Lied: Neben den zahlreichen rechtlichen Neuerungen durch das Messstellenbetriebsgesetz (MsbG) und weitere Verordnungen, mit denen sich die Kollegen von BBH intensiv auseinandersetzen, stellen sich für mich noch einige grundsätzliche Fragen. Nehmen Sie zum Beispiel die IT-Sicherheit. Durch die Verbindung intelligenter Messsysteme mit einem Kommunikationsnetz entsteht eine kritische Infrastruktur, die entsprechend der Vorgaben des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) gesichert werden muss. Der Aufwand für Einrichtung und Sicherung der IT sind dabei immens. Auf der anderen Seite wird sich nicht jeder allein als „intelligenter Messstellenbetreiber“ aufstellen können, da die Einnahmen gedeckelt sind. Hier muss man sich dann die Frage stellen, welche Kooperationen sinnvoll sein könnten.

Grundsätzlich wird die IT einen noch höheren Stellenwert bekommen. Das stellt eine gewachsene IT-Systemarchitektur mitunter vor große Herausforderungen, die sich schnell auf das operative Geschäft auswirken können. Im Detail geht es um Änderungen in der Prozessgestaltung und der IT-Strategie, um Energiedatenmanagement, Software-Lösungen, IT-Sicherheit, Roll-out der Smart Meter, die Marktkommunikation, Optimierung der Bilanzierung. Die Aufzählung könnte ich noch um einiges weiter fortsetzen.

Energieblog: Nun ist die Energiewirtschaft ja eine sehr dynamische Branche, die sich immer wieder mit Änderungen konfrontiert sieht…

Andreas Lied: Sicher ist die Energiewirtschaft etwas salopp gesagt hart im Nehmen. Auch die Liberalisierung 1998 hat einen Paradigmenwechsel eingeführt. So gravierend dieser Einschnitt auch war – das Ausmaß war sehr klar umrissen: Es betraf die Lieferverhältnisse für Strom und Gas. Mit der Digitalisierung ist das nicht wirklich vergleichbar.

Ohne zu übertreiben: Die Digitalisierung wird die Energiewirtschaft, wie wir sie kennen, vollkommen auf den Kopf stellen. Dieser Übergang wird sich auf alle Bereiche eines Energieversorgungsunternehmens auswirken. Das wird für viele eine Neuausrichtung des Unternehmens und seiner Geschäftsmodelle bedeuten. Vom Versorger zum Energiedienstleister – diese Forderung klingt etwas abgegriffen, weil man schon seit Jahren darüber redet. Wirklich relevant und akut wird das aber erst jetzt. Die Standardisierung der Kommunikationsinfrastruktur durch die Einführung der Smart Meter ermöglicht deren Automatisierung und damit werden IT-Plattformen in den Markt eindringen, deren Geschäftsmodell auf Skaleneffekten beruhen.

Energieblog: Die Digitalisierung treibt das Silicon Valley seit wenigen Jahren um, trifft das nun auch für die Energiewirtschaft zu?

Andreas Lied: Ehrlich gesagt habe ich da so meine Zweifel. Ob die Digitalisierung die Vorteile mit sich bringen wird, die die Politik sich davon verspricht, wird man sehen. Ein bisschen zynisch könnte man sagen: Politik und Gesetzgeber sind hier sehr experimentierfreudig. Das ist eben auch der Grund, warum Energieversorger bei der Neuausrichtung ihrer Geschäftsmodelle noch immer ziemlich zurückhaltend reagieren. Vieles ist hier tatsächlich Pionierarbeit. Es gibt kaum Leuchtturmprojekte, an denen man sich orientieren könnte und innovative Lösungen lassen sich nicht aus der Schublade zaubern.

Letztendlich werden Vernetzung und Automatisierung fehlende Marktmechanismen nicht vollends ersetzen können. Dafür ist der Energiemarkt viel zu komplex. Nur weil sich die Digitalisierung auf alle Bereiche des EVU auswirkt, heißt das nicht, dass sie auch für alle Bereiche Optimierungen bereithält. Es gibt einen Grund, warum sich die Start-Up-Szene der Energiewirtschaft zögerlich nähert. Die Digitalisierung ist sicherlich kein Allheilmittel! Besonders kleinere und mittlere Stadtwerke werden sich in den nächsten Jahren gut überlegen müssen, wie sie sich strukturieren, um von der Digitalisierung nicht überrollt zu werden.

Energieblog: Wie können Consulting-Unternehmen hier unterstützen?

Andreas Lied: Es geht um langfristige Unternehmensstrategien, neue Geschäftsmodelle zum Überleben. Das ist genau die Kompetenz von Unternehmensberatungen. Ein Unternehmen kann noch so gut aufgestellt sein – ohne professionelle Unterstützung von Experten, die sich tagtäglich mit solchen grundlegenden Fragen auseinandersetzen, geht es oft einfach nicht mehr. Und das macht dann eben auch eine gute Beratung aus: Berater, die nicht nur ein theoretisches Wissen haben, sondern aus der Branche kommen und dadurch viel praktische Erfahrungen vorweisen können. Ziel muss es sein, die Kunden als Lotsen durch den Dschungel unterschiedlichster Technologien und Anbietervielfalt zu führen.

Energieblog: Vielen Dank, sehr geehrter Herr Dr. Lied, für das Gespräch. Wir sind gespannt, wie es mit der Digitalisierung weitergeht und ob dadurch alles wirklich besser wird.