Die Zukunft des Energiehandels – Ein Interview mit Dr. Michael Redanz

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Interessante Einblicke in den Energiehandel von heute und morgen haben wir in den letzten Monaten dank unserer Expertenrunden (hier, hier und hier) bekommen. Parallel dazu führen wir gerade eine Energiehandels-Studie durch, die wir im Rahmen einer Konferenz am 15. Juni in Berlin vorstellen. Nun aber geht erst einmal unsere Interview-Serie in die nächste Runde. Auch für unser nunmehr viertes Interview in dieser Reihe konnten wir einen Branchenkenner gewinnen, der bereits seit 1998 tief in der Energiehandelswelt verwurzelt ist:

Dr. Michael Redanz hat in leitender Funktion den Aufbau und die Weiterentwicklung des Stromhandels bei der PreussenElektra und später bei der E.ON Trading gestaltet. Nach weiteren Stationen in verschiedenen Energiehandelsunternehmen ist Dr. Redanz seit 2008 Geschäftsführer der MVV Trading GmbH, ein Unternehmen der MVV Gruppe mit Sitz in Mannheim.

 

Energieblog: Herr Dr. Redanz, wie geht es mit den heutigen Standardprodukten im Energiehandel weiter? Ist es Zeit für neue Produkte oder vielleicht sogar neue Märkte?

Redanz: Im Strommarkt sehen wir seit geraumer Zeit eine deutliche Verlagerung von Liquidität und Volumina aus dem Termin- in den Kurzfristmarkt. Insbesondere der Stromterminmarkt ist in Backwardation, was deutlich auf eine gewisse Zurückhaltung des Marktes hinsichtlich der Entwicklung der nächsten Jahre hindeutet. Im Gasmarkt haben wir eine Situation, in der der liquide Teil sowohl im Spot als auch im Termin in absoluten Zahlen wächst, wobei hier insbesondere die Volumenzunahme im börslichen Spotmarkt bemerkenswert ist.

Bei den Marktplätzen insbesondere den börslichen Märkten ist zu erwarten, dass der derzeitige europäische Konsolidierungsprozess weitergeht. Dies wird ebenfalls durch die Entwicklungen beim Market Coupling noch unterstützt werden. Der Trend bei neuen Produkten wird ganz sicherlich durch den Strukturwandel aus Erneuerbaren (Photovoltaik und Wind) stark getrieben werden.

Energieblog: Was erwarten Sie für den europäischen Markt?

Redanz: Ich gehe davon aus, dass der europäische Energiemarkt stärker zusammenwächst. Wir werden mehr Market Coupling bekommen. Die Entwicklungen, die wir beispielsweise im börslichen Handel in Italien oder aber auch in der gasseitigen Bündelung der Aktivitäten von Powernext und EEX sehen, deuten klar darauf hin, dass der Entwicklungsprozess zu einem echten europäischen Energiemarkt weiter voranschreiten wird.

Energieblog: Ein großer Umbruch im Zuge der Energiewende ist der Wechsel von großen zentralen Anlagen zu dezentralen Erzeugungsanlagen. Wird es damit auch eine Anpassung der großen Handelshäuser geben, die sich wegorientieren von der Vermarktung zentraler Assets wie Großkraftwerke hin zu einer dienstleistenden Funktion für dezentrale Erzeuger?

Redanz: Die Assetvermarktung von Großkraftwerken wird in dem Maße, in dem wir Großkraftwerke im System haben, auch das Aufgabenspektrum von großen Handelshäusern bestimmen. Zusätzlich sehen wir auch neue dezentrale Erzeuger im Markt, die aufgrund ihres Unternehmensschwerpunktes Assetvermarktung eher als Dienstleistung nachfragen; damit wird zusätzlich die Vermarktung und Optimierung kleiner dezentraler Anlagen zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Bei der Entwicklung der Dezentralität werden wir lokale bzw. regionale Optimierung sehen, also unterhalb der Großhandelsebene. Darüber hinaus ist auch zu erwarten, dass die Bündelung und Aggregation von dezentraler Erzeugung zunehmen wird, um dann die für den Großhandelsmarkt erforderlichen Produkte und Losgrößen darstellen zu können.

Energieblog: Ist es konsequent aus Ihrer Sicht, dass E.ON seinen Energiehandel mit dem konventionellen Kraftwerkspark ausgliedert?

Redanz: Der Schritt von E.ON, das bisherige Unternehmen in zwei neue Unternehmen aufzuteilen, wird generell als ein unternehmerisch außerordentlich mutiger und für E.ON konsequenter Schritt angesehen. Es wird auch sicher sehr spannend sein, zu beobachten, wie E.ON die Geschäftsmodelle der beiden neuen Unternehmen konkret ausgestalten wird.

Energieblog: Der Energiehandel wird immer komplexer – welche Bedeutung wird die IT zukünftig haben?

Redanz: Die Bedeutung von IT-Systemen im Energiehandel wird grundsätzlich deutlich größer werden. Insbesondere die ausgeprägte Dynamik in den Kurzfristmärkten, die auch zu einer höheren Vernetzung in den einzelnen Märkten führt, wird die diesbezüglichen Transaktionszahlen weiter steil ansteigen lassen, woraus sich natürlich entsprechende Anforderungsentwicklungen für die zugrunde liegenden Handelssysteme ergeben. Schon jetzt sehen wir deutliche Entwicklungen von algorithmischem Handel. Dieser Trend wird sich weiter verstärken, insbesondere auch in den Kurzfristmärkten. Inwieweit der algorithmische Handel in Commodity-Märkten vergleichbare Ausmaße zum algorithmischen Handel in den Finanzmärkten erreicht, scheint aus heutiger Sicht eher ungewiss.

Energieblog: Ist nicht gerade die Kombination mit Flexibilität, Lastabschaltung usw. dafür prädestiniert, von Computern zusammen mit dem Großmarkthandel gesteuert zu werden?

Redanz: Ja genau. Die Kombination von Flexibilität, Lastmanagement und ähnlichen Elementen der Kurzfristmärkte werden als Konsequenz der in erheblichem Maße stattfindenden Dezentralisierung immer stärker als vernetzte Strukturen IT-gestützt optimiert und gesteuert werden.

Energieblog: Wie sehen Sie die Entwicklung, dass sich große IT-/Internetunternehmen immer mehr für den Energiemarkt interessieren? Werden bald Google, Apple und Telekom als weitere Händler präsent sein?

Redanz: Es ist durchaus denkbar, dass neben Unternehmen, die aus anderen Märkten stammen, in denen bereits jetzt schon Big Data Bestandteil der Marktstrukturen ist, zukünftig weitere Marktteilnehmer im Großhandelsmarkt sein werden. Der Trend in Richtung Big Data wird auch im Großhandelsmarkt für Energie bedingt durch die Dezentralisierung und die damit verbundene Informationsvielfalt weiter zunehmen.

Energieblog: Wenn man das alles zusammen denkt: Wer wird sich künftig einen „richtigen“ Energiehandel noch leisten können? Wo sehen Sie also den „Numerus Clausus“ für eine eigene Handelsabteilung und wo erwarten Sie eher Kooperationen oder die Arbeit mit Dienstleistern? In welche Richtung wird sich Ihr Haus entwickeln?

Redanz: Es wird sicher so sein, dass die Anforderungen an den Energiehandel im Hinblick auf Bewältigung von Komplexität, IT-System und Kapitalanforderungen zukünftig weiter steigen werden. Hier sind insbesondere auch die zu erwartenden Anforderungen aus der EU-Finanzmarktregulierung nicht zu vernachlässigen. Aus diesen Entwicklungen heraus ist zu erwarten, dass insbesondere kleinere Unternehmen sich in verstärktem Maße dazu entschließen werden, diese Strukturen nicht im eigenen Hause aufzubauen und sich eines oder mehrerer Dienstleister zu bedienen. Wir in der MVV Gruppe und in der MVV Trading erachten auch im Hinblick auf die zukünftigen Entwicklungen einen professionellen Energiehandel als absolut erfolgskritisch. Grundsätzlich wird einer unserer Entwicklungsschwerpunkte ganz sicherlich sein, unsere Wettbewerbsfähigkeit in den dynamischen, sich stärker vernetzenden kurzfristigen Märkten mit deutlichen dezentralen Elementen weiter zu stärken und hier u.a. auch eine führende Position in der Portfoliobewirtschaftung von direkt vermarkteten Energiemengen aus Erneuerbaren einnehmen.

Energieblog: Sehr geehrter Herr Dr. Redanz, ganz herzlichen Dank für die Zeit, die Sie sich genommen haben, wir wissen das sehr zu schätzen!