Ein Deutschland, zwei Stromzonen?

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(c) BBH

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Deutschland wieder geteilt? In der Tat, wenngleich die kürzlich durch die Medien geisternden Meldungen keine neue Mauer meinten, sondern eine Teilung in zwei Strompreiszonen. Bei der Berichterstattung konnte bisweilen der Eindruck entstehen, dass die Europäische Kommission die einheitliche deutsche Preiszone als Sanktion für zu langsamen Netzausbau „zerschlagen“ wolle. Diese Vereinfachung greift allerdings ein bisschen zu kurz. Wir haben deshalb mal genauer hingesehen, was es mit diesem Vorgang auf sich hat.

Worum geht es überhaupt?

Europa ist in mehrere Strompreiszonen (Fachjargon: Gebotszonen) aufgeteilt. In diesen Zonen ist der Strompreis für alle gleich, weil man unterstellt, dass der an einem beliebigen Ort in diesem Gebiet eingespeiste Strom auch überall entnommen werden kann, ohne dass es zu Netzengpässen kommt (als wäre diese Zone sozusagen eine riesige Kupferplatte). Der Zuschnitt dieser Zonen entspricht aus historischen Gründen meist den Staatsgrenzen. Ausnahmen – wie die Zusammenfassung von Deutschland und Österreich zu einer Zone – bestätigen die Regel (wir berichteten).

Wo ist das Problem?

Dass es in Europa mehrere Preiszonen gibt, ist an sich nichts Schlimmes, sondern spiegelt lediglich die reale physikalische Netzsituation und – bis zu einem gewissen Grade – auch die Marktlogik von regionalem Angebot und Nachfrage wider. Das System ist aber nicht statisch. Wenn sich Stromerzeugung und –verbrauch ändern oder das Leitungsnetz ausgebaut wird, kann sich die Netzsituation ändern. Und die Frage kann aufkommen, ob der Zuschnitt der Preiszonen noch korrekt ist.

Nehmen wir als Beispiel Deutschland: Derzeit kommt es beispielsweise in der Mitte Deutschlands vermehrt zu Netzengpässen, die aus der hohen (Wind-)Stromproduktion im Norden Deutschlands herrühren. Diesem Phänomen wird in Deutschland zurzeit durch vermehrten Redispatch begegnet, das heißt Erzeugungsanlagen in Norddeutschland werden abgeschaltet und in Süddeutschland werden Kraftwerke zugeschaltet – auf diese Weise wird Stromtransport simuliert und das Gleichgewicht der „Kupferplatte“ aufrecht erhalten. Die Kosten für diese Maßnahmen sind der Preis, der für die gesamtdeutsche Gebotszone gezahlt werden muss und über die Netzentgelte von den Letztverbrauchern auch gezahlt wird.

Was hat die EU jetzt vor?

Auf europäischer Ebene wird gerade – entsprechend der CACM-Verordnung (Verordnung zur Festlegung einer Leitlinie für die Kapazitätsvergabe und das Engpassmanagement) – geprüft, ob der derzeitige Zuschnitt der Preiszonen noch zeitgemäß ist. Zu diesem Zweck erstellt der Verband ENTSO-E (European Network of Transmission System Operators for Electricity) eine groß angelegte Studie über die Effizienz der aktuellen Gebotszonen. In diesem Zusammenhang wurden auch alternative Modelle ins Spiel gebracht, von denen eines die Aufspaltung Deutschlands vorsieht. Dieses Modell ist jetzt wieder in den Fokus geraten, nachdem ein Bericht der BNetzA offenbarte, dass der Netzausbau in Deutschland noch einige Zeit in Anspruch nehmen werde.

Wird die Teilung jetzt tatsächlich kommen?

Auch wenn die Kommission nicht – jedenfalls nicht offiziell – damit gedroht hat, Deutschland in zwei Preiszonen zu teilen, kann dieses Szenario nicht ausgeschlossen werden. Festlegen will sich die Kommission erst Ende des Jahres, wenn auch die Untersuchung von ENTSO-E abgeschlossen sein soll. Dann wird sich zeigen, ob eine neue deutsche Teilung bevorsteht. Auch eine – bereits in anderem Zusammenhang diskutierte – Aufteilung, nämlich die Abspaltung Österreichs aus der bislang noch gemeinsamen Preiszone, ist ein von ENTSO-E erwogenes Szenario.

Worauf müssen wir uns gefasst machen?

Sicher scheint nur eins: Verbraucher in einer süddeutschen Preiszone würden erheblich höhere Strompreise zu zahlen haben. Ansonsten wirft der Blick in die Glaskugel eher Fragen auf, als dass er sie beantwortet: Wie wird sich die Teilung der Regelzone des Übertragungsnetzbetreibers TenneT auswirken? Wie werden sich die Machtverhältnisse auf dem Strommarkt verändern? Wird es auch unterschiedlich hohe EEG-Umlagen geben? Wird es zu Kostenverschiebungen zwischen Verbrauchern und Erzeugern kommen?

Fragen, die sich die deutsche Energiepolitik lieber gar nicht erst stellen möchte: fast einhellig steht man auf dem Standpunkt, das zwei Preiszonen in Deutschland völlig unerwünscht sind. Das bekräftigte nach DBU-Informationen auch gerade der Präsident der Bundesnetzagentur (BNetzA), Jochen Homann, auf der Woche der Umwelt im Schloss Bellevue. Dass die Preiszone gegen den Willen Deutschlands geteilt wird, ist in der Tat schwer vorstellbar. Ein alleiniges Letztentscheidungsrecht der BNetzA ist in der CACM-Verordnung allerdings auch nicht vorgesehen.

Jetzt heißt es erstmal aufmerksam beobachten, was auf europäischer Ebene geschieht, um dann ggf. rechtzeitig Maßnahmen ergreifen zu können. Wir haben für Sie ein Auge darauf.

Ansprechpartner: Dr. Ines Zenke/Dr. Christian Dessau