„Ein Händler wird nur ein einziges Mal seinen vertraglichen Verpflichtungen nicht nachkommen können“ – ein Interview mit Dr. Thomas Pilgram

Download PDF
(c) Jörg Lange/Die Bildermanufaktur

(c) Jörg Lange/Die Bildermanufaktur

Wie geht es mit dem Ener­gie­han­del wei­ter? Diese Frage möch­ten wir an die­ser Stelle nicht selbst ein­schät­zen, son­dern von schlauen Köp­fen der Energiehandels-Branche beant­wor­ten las­sen. Unsere lose Interview-Serie, mit der wir unsere Studie zur Zukunft des Energiehandels, begleiten (mehr dazu hier: dt./engl.), führen wir heute mit Dr. Thomas Pilgram fort. 

Dr. Thomas Pilgram begann seine energiewirtschaftliche Karriere bei der Strombörse EEX, wo er das Business Development verantwortete. Danach leitete er das Deutschlandgeschäft der Bergen Energi bevor er sich dem Thema Grünstromdirektvermarktung bei der Q-Cells und der daraus entstehenden heutigen Clean Energy Sourcing widmete. 

Wir freuen uns, dass wir Dr. Pilgram für unsere Serie zur Zukunft des Ener­gie­han­dels gewin­nen konnten.

Energieblog: Ein entscheidender Aspekt der Energieerzeugung in Deutschland, aber auch der weltweiten Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten, ist die wachsende Einspeisung von erneuerbarer volatiler Energie auf der Basis von Wind und Sonne. Wie muss sich der Energiehandel verändern, um auf diese geänderte Erzeugungssituation reagieren zu können?  

Pilgram: Wind und Sonne werden zu den Arbeitstieren der zukünftigen Energieerzeugung. Hierum wird sich die restliche Erzeugung gruppieren, aber auch der Verbrauch. Auf der einen Seite wird meines Erachtens die Erzeugung in Summe etwas weniger volatil gegenüber dem, was wir heute beobachten. Das führe ich auf eine Zunahme der installierten Leistung an unterschiedlichen Orten (Verteilung der Stromproduktion), der Zunahme der Stromproduktion im Offshore-Bereich, aber auch auf technische Entwicklungen in Bezug auf Schwachlast-Windmühlen zurück. Aber Baseload und Peakload gehören definitiv der Vergangenheit an. Viele meinen ja, dass auch die Nachfrage sich viel stärker am Angebot ausrichten wird. Da bin ich nicht ganz so optimistisch, weil einfach die Signale zu schwach sind. 

Der Energiehandel wird sich auf diese Veränderung einstellen – und tut dies auch schon bereits. Ich glaube, der Day-ahead-Markt wird zu Grabe getragen und der Intraday-Handel an seine Stelle treten. Als ich 2001 als Vertreter der Strombörse den Day-ahead-Markt als neues Marktsegment vorgestellt habe, war ein Argument, dass der Day-ahead-Markt der „letzte“ Markt vor physischer Erfüllung und zum Ausgleich der Portfolien notwendig sei. Nunmehr gibt es zeitlich nachgelagert noch den Intraday-Markt. Diese Entwicklung hat der Gesetzgeber nicht erkannt, als er den Day-ahead-Markt zum Referenzmarkt für die Direktvermarktung von Wind machte. Wind gehört auf den Intraday-Markt, der sich zunehmender Liquidität erfreut, denn jeder Schüler weiß mittlerweile, dass Prognosen umso besser werden, je dichter sie am zu prognostizierenden Ereignis liegen. Hier wird es in Zukunft noch kurzfristiger zugehen, gate-closure wird sich noch dichter an der physischen Erfüllung bewegen. 

Energieblog: Wird man eine neue Art von Absicherungsprodukt benötigen?

Pilgram: Ein Mengenrisiko gibt es im Prinzip nicht. Strom wird geliefert, die Frage ist nur, zu welchem Preis. Die Frage ist also: Wann steht welche Menge zur Verfügung? Das kann durch Flexibilitätsprodukte abgebildet werden. Das kann als Handelsprodukt ausgeprägt sein, denken wir zum Beispiel an eine Option. Das kann physisch abgebildet werden, denken wir an ein flexibles Biogaskraftwerk oder an Speicher. Im Moment sehe ich aufgrund der Überkapazität keine Preissignale, die diese Flexibilität belohnen. Die uns heute bekannten Produkte wie Monate, Quartale oder Jahre sind zu grobe und große Einheiten. Insofern bin ich etwas skeptisch, was den Wind-Future der EEX angeht, der laut Webseite genau diese Zeiträume abdecken soll. Die abzusichernden Zeiträume sind viel kleinteiliger und schneller abzurufen. Ich sehe hier eher flexibel abrufbare Stunden.

Energieblog: Lassen Sie uns auf das Thema Flexibilität noch ein wenig tiefer eingehen. Was halten Sie von den verschiedenen Vorstellungen, die Flexibilität als solche handelbar zu machen?

Pilgram: Werden denn Flexibilitäten nicht schon gehandelt? Was ist denn die Steuerbarkeit einer Biogasanlage? Das ist eine technische Flexibilität, die ich am Intraday-Markt einsetze, um kurzfristige Preisbewegungen zu nutzen. Was ist denn Regelenergie? Ich steuere mein Kraftwerk in Abhängigkeit einer Nachfrage seitens des Netzbetreibers.

Häufig verbirgt sich aber hinter dem Modewort „Flexibilität“ der alte Hut des Kapazitätsmarktes. Dabei frage ich mich, was denn heute am so genannten Energy-only-Markt gehandelt wird. Wenn jemand einen Forward auf Termin verkauft, ist das eine feste Lieferverpflichtung, die er im Zeitpunkt der Erfüllung durch Inanspruchnahme einer gesicherten Leistung erfüllen muss. Wo ist da noch Platz für Kapazitätsverkäufe? Ob der Verkäufer auf eigene, stetige Kraftwerke zugreift, oder ob er sich auf seine Windproduktion verlässt oder ob er auf die Liquidität des Spotmarktes vertraut, muss dem Händler überlassen bleiben. Ein Händler wird nur ein einziges Mal seinen vertraglichen Verpflichtungen nicht nachkommen können.

Energieblog: Werden wir in der Zukunft eine stärkere Integration des Handels mit dem Netzbereich sehen, um Flexibilität nahtlos zwischen zum Beispiel Intraday-Märkten und Regelenergiemärkten verschieben zu können? 

Pilgram: Der Markt steht im Zentrum, aber ohne die Netzbetreiber geht es nicht. Sie sind die letzte Instanz, die die Flexibilitäten zum Ausgleich von Angebot und Nachfrage nutzen werden, aber, um in dem Bild zu bleiben, sollten hier zunächst die ersten Instanzen ihren Aufgaben soweit als möglich nachkommen.

Ich glaube, die Beschaffung der Regelenergie ist heute überholt. Intraday-Markt und der Markt für Minutenreserve werden zusammenwachsen, Sekundär- und Primärregelleistung wird viel kleinteiliger nachgefragt werden. Auch glaube ich, dass die Verteilernetzbetreiber eine stärkere Rolle übernehmen werden und ihre Netze noch stärker steuern werden und die entsprechenden Zugriffe über lokale Regelenergieprodukte eindecken werden. Aber bereits heute werden der Regelenergiemarkt und der Intraday-Markt als ein gemeinsamer Markt in den Handelshäusern bewirtschaftet. 

Energieblog: Ein weiterer Schlüsselbegriff für die „neue“ Energielandschaft ist die Dezentralität. Was bedeutet diese Entwicklung für den Energiehandel als Großmarkthandel? Glauben Sie daran, dass Strom und Gas künftig immer mehr dezentral erzeugt und verbraucht wird und somit der Bedarf für eine Großhandelsebene immer geringer wird? 

Pilgram: Beim Strom sehe ich klar eine Entwicklung Richtung Dezentralität. Der Strom wird kleinteiliger und verbrauchsnäher erzeugt und kann daher viel einfacher dezentral und produktionsnah verbraucht werden. Das ändert aber nichts am Bedarf eines Großmarktes, der die Differenzen ausgleicht. Je kleinteiliger das Zusammenspiel von Erzeugung und Verbrauch sind, umso größer sind ja die Ausgleichsnotwendigkeiten, die über den Händler am Großhandelsmarkt aufschlagen. Die Menge, die produktionsnah verbraucht wird, wird zunehmen, so dass die Gesamtnachfrage sinkt. Aufgrund der Erzeugungsvolatilität vieler dezentraler Einspeiser (PV-Anlagen) und bei einer Zunahme der installierten Leistung wird das Gesamtvolumen am Großhandelsmarkt eher zunehmen, aber eben mit stark schwankenden Mengen und Preisen. 

Energieblog: Da Sie gerade die PV-Anlagen ansprechen: Wird die Grünheit des Stroms künftig über Herkunftsnachweise (HKN) bzw. andere Guarantees of Origin gehandelt werden oder wird sich hier eine andere Marktsituation einstellen? Werden wir einen Splitt in einen grünen und einen grauen Strommarkt sehen?

Pilgram: Der Händler in mir sagt: Ja, das ist einfach und kann auf den heutigen Strukturen aufbauen. Der Grünstromvertriebler hat aber gelernt, dass ich Strom und Qualität nicht trennen kann. Grüne Tomaten und einen Eimer roter Farbe zu verkaufen, funktioniert nicht. Herkunftsnachweise zur Stromkennzeichnung bleiben eine Randerscheinung und wir sehen auch, dass Sie nicht zu einer Veränderung der Erzeugungsstruktur führen. Ein Beispiel: Der Großteil der heutigen HKN’s kommt aus Norwegen. Das ist naheliegend, denn dort erfolgt die Stromproduktion nahezu vollständig aus Wasserkraft. Der Export der HKN’s führt aber dazu, dass die Kennzeichnung der norwegischen Stromproduktion nun 75 Prozent Nicht-Erneuerbare-Energien ausweist. Fragen jetzt die Norweger Grünstrom nach? Nein, leider nicht, denn sie fahren jeden Tag an den Wasserkraftwerken vorbei und glauben, sie würden grünen Strom beziehen. Folglich ist jetzt der grüne Strom in Deutschland und der Atomstrom in Norwegen, in toto hat sich nichts geändert.

Der Strommarkt wird grün, grüner Strom wird der Normalstrom, das kann bei einer Quote von 80 Prozent aus Erneuerbaren Energien gar nicht anders sein. In der Übergangszeit wird es beide Farben geben.

Das Grünstrommarktmodell, das wir vor einiger Zeit zusammen mit anderen Ökostromvermarktern vorgestellt haben, ist dabei ein konzeptioneller Durchbruch. Es ermöglicht erstmals, deutschen Grünstrom unter Wahrung seiner Qualität zu vermarkten, ohne dass hierdurch das EEG-Konto belastet wird. Alte Vorwürfe an das Grünstromprivileg, Cherry-Picking zu betreiben, sind damit ausgeräumt und der Strom aus der Windmühle von nebenan kann vermarktet werden. Das Modell ist auch deshalb zu begrüßen, weil es eine Alternative zur Marktprämie schafft und damit Wettbewerb zulässt. 

Das Modell wird zwar faktisch eine Randerscheinung bleiben, der Großteil des EEG-Stroms wird sicherlich über die Marktprämie abgewickelt, weil es einfacher ist. Wenn die Versorger aber geschickt in der Abstimmung von Produktion und Verbrauch sind, werden sie hierdurch Vorteile erwirtschaften können. Dann kommt die wahre Integrationsleistung des Modells zum Tragen. Das wird Nachahmer auf den Plan rufen. Es wird aber auch Fälle geben, da wird die Rechnung für den Versorger nicht aufgehen. Das ist das Spiel im Wettbewerb. Wir sollten aber in der Diskussion darauf achten, nicht sofort immer an die Vermeidung von Mitnahmeeffekten zu denken, weil das die notwendige Luft zum Atmen in diesem Wettbewerbsspiel nimmt.

Energieblog: Sehr geehr­ter Herr Dr. Pilgram, ganz herz­li­chen Dank für die Zeit, die Sie sich genom­men haben, wir wis­sen das sehr zu schätzen!

IhrDerEnergieblog.de.