Energiewende mit Hilfe von Demand Response Management meisterbar? – ein Interview mit Oliver Stahl der Entelios AG

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Oliver Stahl und Dr. Johannes Fischer (Umweltbeauftragter der Paulaner Brauerei) (c) EnerNOC

Oliver Stahl (l.) und Dr. Johannes Fischer (r.)(Umweltbeauftragter der Paulaner Brauerei)
(c) Entelios

Oliver Stahl ist Gründer und Managing Director Europe der Entelios AG, seit 2014 ein Unternehmen der EnerNOC Gruppe. Entelios war das erste Unternehmen in Europa, das ein vollautomatisiertes Lastmanagement und die Steuerung dezentraler Erzeugeranlagen mit Fokus auf Industrie, Gewerbe und Öffentliche Einrichtungen entwickelt hat und in Zusammenarbeit mit Stadtwerken und Energieversorgern Demand-Response-Programme implementiert. Oliver Stahl ist außerdem Mitgründer und im Executive Board der Smart Energy Demand Coalition (SEDC), einem europäischen Industrieverband mit inzwischen mehr als 50 Mitgliedsunternehmen, das sich auf das Heben von Lastmanagement- und Energieeffizienzpotentialen konzentriert.

Energieblog: Sehr geehrter Herr Stahl, vielen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen für ein Interview. Lassen Sie uns doch gleich mit einer entspannten Frage starten: Mögen Sie eigentlich Münchner Bier?

Stahl: Ich sehe, worauf Sie hinaus wollen. [Er lacht.] Tatsächlich kann ich ja nun nicht anders antworten, als dass ich das Bier einer bestimmten Münchner Brauerei sehr gerne trinke.

Energieblog: Wir wollen ja keine Werbung für diese Brauerei machen, aber die Paulaner Brauerei war das erste prominente Beispiel für das von Ihnen in Deutschland als Pionier vorangebrachte Thema Demand Response Management.

Stahl: Das stimmt. Wir haben nach der Gründung der Entelios AG im Markt nach geeigneten Unternehmen gesucht, bei denen in den Produktionsabläufen Flexibilität versteckt war, die man dem Energiemarkt zur Verfügung stellen kann. Die Paulaner Brauerei war ein sehr aufgeschlossener und innovativer Partner dafür. Und so konnten wir seit 2010 Zusatzerlöse für Paulaner erzielen. Wir haben zum Beispiel bei den Kälte- und Druckluftverdichtern eine Steuerungsmöglichkeit eingefügt. Dadurch wurde es möglich, die Maschinen flexibel zu fahren. Diese Nachfrageflexibilität können wir über unseren Regelenergiepool erfolgreich vermarkten.

Energieblog: Das klingt wie die perfekte Komplementärfunktion für die ganze volatile erneuerbare Stromerzeugung, die uns die Energiewende beschert.

Stahl: Genau das ist es! Im Stromsystem – und das ist inzwischen schon fast ein Allgemeinplatz – hatten wir in der Vergangenheit eine Stromerzeugung, die sich ausschließlich nach dem Verbrauch richtete. Heute haben wir ein wesentliches und immer stärker werdendes Element der Stromerzeugung aus Erneuerbaren, das sich nur nach dem Wetter, aber offensichtlich nicht nach dem Verbrauch richtet. Das schafft Anreize für Verbraucher, den Strom am besten dann zu nutzen, wenn er reichlich und billig verfügbar ist. Aber ganz so weit sind wir noch nicht. Wir konzentrieren uns derzeit – gewissermaßen als Zwischenschritt – darauf, die Steuerungsmöglichkeiten von Verbrauchern als Regelenergie, also als Systemdienstleistung, zu vermarkten. Und auch das passt sehr gut in die aktuelle Welt der Energiewende.

Energieblog: Reißt sich also die Industrie um die Dienstleistung, die Sie und andere Unternehmen im Markt anbieten?

Stahl: Das sollte man meinen, nicht wahr? [Er lacht wieder.] Tatsächlich ist die Welt nicht ganz so rosarot. Es gibt natürlich ein immenses Interesse an dem, was wir der Industrie bieten können. Das heißt, wir führen viele Gespräche und machen auch durchaus viele Machbarkeitsstudien. Es muss auch gesagt werden: Nicht jedes Unternehmen bietet sich an für Demand Response Management. Wir müssen erst geeignete Prozesse identifizieren und errechnen, ob wir einen Business Case zusammenbekommen. Aber leider gibt es auch noch weitere Schwierigkeiten, die nicht nur in den Produktionsabläufen liegen.

Energieblog: Sie deuten die regulatorischen Probleme an. Aber sollte sich das Thema nicht jetzt durch das Strommarktgesetz (wir berichteten) deutlich entspannen? Jedenfalls wurden ja das Lastmanagement und die Aggregatoren, zu denen auch Sie gehören, im Grün– und Weißbuch (wir berichteten) ausgesprochen positiv eingeschätzt.

Stahl: Ja, im Weißbuch stehen „wir“. Da waren wir auch noch relativ entspannt. Allerdings findet sich im Strommarktgesetz fast nichts wieder von dem, was uns das Leben erleichtern würde. Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel geben: Wenn wir einen Kunden gewinnen wollen, müssen wir ihn nicht nur technisch prüfen. Wir müssen natürlich auch passende Verträge abschließen. Unsere Hauptschwierigkeit besteht aber darin, dass wir nicht einfach nur mit unseren Kunden selbst einen Vertrag abschließen müssen, sondern auch Verträge oder zumindest Abstimmungen brauchen mit seinem Lieferanten, seinen Bilanzkreisverantwortlichen, dem Verteilernetzbetreiber und dem Übertragungsnetzbetreiber. Davon ist nicht jeder begeistert. Immerhin wollen wir Dinge tun, die in die langjährig etablierten Prozesse eingreifen. Wir verstehen völlig, dass durch unsere Aktivitäten andere Beteiligte keine Nachteile erleiden sollen. Dennoch möchten wir gerne unsere Geschäfte machen können. Sie sehen also, dass wir oft vom Goodwill anderer abhängig sind, weil wir zum Beispiel keine eigene etablierte Marktrolle haben.

Energieblog: Das ist nachvollziehbar. Sie nannten es aber ein Beispiel, woran hakt es denn noch?

Stahl: Nehmen Sie ein anderes Thema, bei dem viele unserer Kunden oder potentiellen Kunden sehr nervös werden: Die Netzentgelte. Netzentgelte werden unter anderem nach der Leistungsspitze berechnet. Das ist sowohl bei den normalen Netzentgelten so als auch bei den individuellen Netzentgelten. Natürlich sind für uns Unternehmen besonders interessant, die so viel Energie verbrauchen, dass sie ein individuelles Netzentgelt vereinbaren können. Die meisten großen Verbraucher erhalten ihr Netzentgelt dafür, dass sie möglichst gleichmäßig Strom abnehmen. Jetzt stellen Sie sich aber mal vor, wie jetzt im Herbst ein richtig schöner Sturm über Deutschland zieht. Die Meteorologen sind schon ganz gut, aber was ist, wenn sie sich auch nur um 15 oder 30 Minuten verschätzen? Dann strömt vielleicht eine Viertelstunde eher als erwartet massig Windenergie ins Netz. Es entsteht Bedarf an Regelenergie, den wir erfüllen können, indem wir unseren Kunden ein Signal geben, die Produktion hochzufahren. Die Kunden nehmen den Strom auf, er belastet das Netz nicht mehr, alles ist gut. Allerdings ist beim Kunden jetzt vielleicht eine Leistungsspitze entstanden. Vielleicht hat er sehr viel mehr Strom verbraucht, als das normalerweise der Fall wäre. Natürlich ist das Ganze nur aus Netzgründen erfolgt. Es war gut für das Netz. Es kann aber für den Kunden in dem aktuellen Netzentgeltregime dazu führen, dass er am Ende des Jahres die Rechnung bekommt: Leistungsspitze zu hoch, Bandlastbezug nicht mehr gegeben, individuelles Netzentgelt passé.

Energieblog: Herr Stahl, Sie deprimieren jetzt unsere Leser.

Stahl: Das möchte ich natürlich nicht. [lacht] Es sind Probleme, denen wir uns derzeit stellen müssen. Und wir hoffen, sie auf der politischen Ebene noch adressieren zu können. Es wäre wirklich schade, wenn wir die Potentiale, die in der Lastverschiebung bestehen, nicht aktivieren und für das Projekt Energiewende nutzen können. Man muss sich immer wieder klar machen: Durch Demand Response können wir Flexibilität quasi aus dem Nichts erzeugen. Wir brauchen nur Daten, unsere Algorithmen und ein bisschen moderne IT. Wir müssen keine neuen Netze verlegen, wir müssen keine neuen Kraftwerke errichten, für unsere Flexibilität muss kein CO2 extra ausgestoßen werden. Die Demand-Response-Flexibilität ist von daher das perfekte Komplementärprodukt zur volatilen Erneuerbaren Energie. Die Potentiale sind enorm. Je nach Untersuchung findet man Zahlen von bis zu 8 bis 12 Gigawatt, die man in der Industrie und Gewerbe nutzen könnte. Und wir sprechen hier nur von Lasten, die ganzen dezentralen Erzeugungseinrichtungen, die in der Industrie auch vorhanden sind, noch nicht mal mitgerechnet. Wenn man sich das Strommarktdesign anschaut, müsste es so sein, dass Flexibilität mit der Zeit immer teurer wird. Das bedeutet für uns, dass es für immer mehr Kunden interessant wird, ihre Prozesse auf das Erbringen von Demand Response einzustellen. Perspektivisch reden wir nicht nur über Regelenergie. Wir reden natürlich auch über Intraday-Märkte und über Produkte, über die wir uns heute vielleicht noch gar keine Gedanken machen. Daher möchte ich gern Ihren Lesern zurufen: Lasst uns diese Potentiale nicht verschwenden!

Energieblog: Das dürfen Sie gerne tun, Herr Stahl. Wir danken Ihnen herzlich für Ihre Zeit.