Interview: Zukunft des Energiehandels

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(c) RWE

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Vor etwa eineinhalb Jahrzehnten brachte die Liberalisierung der Energiemärkte eine Fülle von Innovationen mit sich. In Deutschland und Europa entwickelte sich erstmals ernsthaft Raum für einen „Handel“ mit Strom und Gas auf der Großmarktebene. Die großen Konzerne – aber auch kleinere Spieler – begannen, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. In der Branche dürfte unbestritten sein, dass sich RWE mit der RWE Trading GmbH (heute der RWE Supply & Trading GmbH) ganz weit vorne positioniert hat.

Einen ganz großen Anteil an dem Erfolg hat sicherlich Stefan Judisch. Der Diplom-BWLer wechselte 1999 von der UBS zur RWE, um die Leitung der Handelsgesellschaft zu übernehmen. Unter seine Ägide fielen die Ausweitung und Professionalisierung des Commodityhandels – bei RWE, aber auch generell im Markt. Jetzt übergibt er das sprichwörtliche Steuer an Dr. Markus Krebber.  Auch dieser ist Ökonom, stammt aus der Bankenbranche und kam als Quereinsteiger in die Energiebranche. Es wird an ihm und seinen Kollegen sein, das Großhandelsgeschäft der RWE in den nächsten Jahren und in die nächsten Jahre zu führen. Da diese Jahre auch wieder von Umbrüchen, neuen Entwicklungen und Innovationen geprägt sein werden, freuen wir uns sehr, beide zu einem gemeinsamen Interview über die Zukunft des Energiehandels gewonnen zu haben.

Sehr geehrter Herr Judisch, sehr geehrter Herr Dr. Krebber,

vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen für dieses Interview mit uns. Da Sie vielbeschäftigt sind, lassen Sie uns doch einfach direkt einsteigen:

Energieblog: Was glauben Sie, wohin der Trend gehen wird?

Stefan Judisch: Sowohl die Regulierung als auch die Nichteinbeziehung der Erneuerbaren in den Markt werden dafür sorgen, dass der europäische Stromhandelsmarkt nicht wächst. Gleichzeitig wird die Globalisierung und Deregulierung der Energieträger weitergehen. Europa läuft deshalb Gefahr, zum Anhang eines globalen Energiemarktes zu werden, und damit würden sich die Liquidität und entsprechend auch die Handelsplätze nach außerhalb Europas verlagern. Die Fremdbestimmung der europäischen Energiepreise wird deshalb zunehmen.

Energieblog: Das ist keine rosige Aussicht. In Deutschland erhofft man sich ja eine gewisse Abkopplung durch die Energiewende. Ein entscheidender Aspekt davon, aber auch der weltweiten Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten, ist die wachsende Einspeisung von erneuerbarer volatiler Energie auf der Basis von Wind und Sonne. Gern würden wir daher Ihre Einschätzung erfahren, wie Sie erwarten, dass sich der Energiehandel verändern muss, um auf diese geänderte Erzeugungssituation zu reagieren.

Markus Krebber: Es besteht unstrittig ein größerer Bedarf an Flexibilität und damit auch Flexibilitätsprodukten. Ob sich wirklich neue Produkte herausbilden oder die heute bereits vorhanden Produkte ausreichend sind, bleibt abzuwarten.

Energieblog: Wird die Grünheit des Stroms künftig über Herkunftsnachweise bzw. andere Guarantees of Origin gehandelt werden oder wird sich hier eine andere Marktsituation einstellen? Werden wir einen Splitt in einen grünen und einen grauen Strommarkt sehen?

Stefan Judisch: Wenn ich von der zunehmenden „Regulierungswut“ unter dem Makro-trend des „Neobiedermeiers“ ausgehe, befürchte ich, dass wir einen gesplitteten Markt bekommen. Ich hoffe allerdings, dass die Politik vernünftig genug ist, um zu verstehen, dass die ökonomischen Anreize relevant sind, um die politischen Ziele zu erreichen und nicht deren Physikalität.

Energieblog: Wie viele Meteorologen werden künftig in den Handelshäusern beschäftigt sein?

Markus Krebber: Auch heute ist die Bedeutung der Wetteranalyse für den Energiehandel schon nicht zu unterschätzen. Ich gehe davon aus, dass die Bedeutung aber noch weiter steigt und insofern auch der Bedarf an guten Meteorologen. 

Energieblog: Neben der Tatsache, dass Strom künftig mehr und mehr aus erneuerbaren volatilen Quellen stammt, ist ein weiterer großer Umbruch der Energiewende der Wechsel von großen zentralen Anlagen zu dezentralen Erzeugungsanlagen. Was bedeutet diese Entwicklung für den Energiehandel?

Stefan Judisch: Die Erzeugung von Strom wird in der Tat dezentraler, aber die wirtschaftliche Optimierung globaler. Die „Champions“ der Marktkapitalisierung: Google, Amazon, Facebook etc. sind deshalb so wertvoll, weil sie Dezentralität global vernetzen.

Energieblog: Ein interessanter Punkt. Wie sehen Sie denn generell die Entwicklung, dass sich große IT-/Internetunternehmen immer mehr für den Energiemarkt interessieren? Werden bald Google, Apple und Telekom als weitere Händler präsent sein?

Markus Krebber: Es ist durchaus denkbar, dass die genannten Adressen sich im Energiemarkt engagieren, aber wohl eher im Endkundengeschäft als im Energiehandel.

Energieblog: Die genannten Unternehmen sind auch Champions im Bereich „Big Data“. Welche Rolle wird Big Data für den Handel spielen?

Stefan Judisch: Big Data spielt heute schon eine wesentlichen Rolle für den kurzfristigen Stromhandel. Wettervorhersage war und ist schon heute die Anwendung von Big Data – lange bevor Big Data ein Modewort wurde. Die Kombination von (dezentralem) Wetter und dezentraler Stromerzeugung und dezentralem Stromverbrauch in Kombination mit individualem Konsumentenverhalten werden Big Data in eine neue Dimension führen. Das hat aber wenig mit Handel und viel mit wirtschaftlicher Optimierung zu tun. 

Energieblog: Kommen wir aber nochmal zu unserem heutigen Energiesystem zurück. Es dürfte inzwischen einhellige Meinung sein, dass der entscheidende Punkt für dessen Zukunft sein wird, ob wir es schaffen, ausreichende Flexibilität vorzuhalten, um auf die volatilen Einspeisungen im Strombereich reagieren zu können. Soll das der Markt oder das Netz besser erledigen?

Stefan Judisch: Der Markt löst dieses Problem schon heute, sonst wären in Europa schon die Lichter ausgegangen. Es gibt keinen Grund, dass der Markt das nicht auch in Zukunft regeln kann. Es sei denn, die nicht markt-basierten Interventionen der Politik nehmen noch weiter zu und setzen damit die Marktmechanismen letztendlich außer Kraft.

Markus Krebber: Marktlösungen sind immer besser, weil Preissignale zu unmittelbarem Anpassungsverhalten aller Marktteilnehmer führen und somit ressourceneffizient sind. Die Politik sollte sich auch die Kreativität der Märkte zu nutze machen, um von der Politik geschaffene Probleme zu lösen.

Energieblog: Werden wir in der Zukunft eine stärkere Integrierung des Handels mit dem Netzbereich sehen, um Flexibilität nahtlos zwischen z. B. Intraday-Märkten und Regelenergiemärkten verschieben zu können?

Stefan Judisch: Ich hoffe nicht. Das Optimierungsziel von Netzen und wettbewerblichen Marktteilnehmern ist ein grundsätzlich anderes. Monopole sind nie geeignet Kosten zu optimieren, weswegen sie regulatorisch beaufsichtigt werden müssen. 

Energieblog: Wir haben neben dem Funktionieren des Systems, also der Versorgungssicherheit, auch immer noch das Ziel des Klimaschutzes. Wie bewerten Sie die verschiedenen Ideen, einen marktbasierten Emissionsausstoßreduktionsmechanismus in Deutschland allein zu etablieren?

Stefan Judisch: Auch das passt ins „Neobiedermeier“. Lokale kleinstaatliche Emissionspolitik verschiebt die Emissionsquellen global, aber reduziert sie nicht.

Energieblog: Dann wird der Emissionshandel das globale Klimaschutzinstrument bleiben können?

Markus Krebber: Nur ein internationales Instrument kann überhaupt Klimaschutz sicherstellen. Alle nationalen Lösungen führen am Ende zu Ausweichverhalten über Landesgrenzen und damit Verlagerung von Emissionen, wie auch bei der deutschen Energiewende zu besichtigen.

Energieblog: Wie sehen Sie denn die Zukunft des Emissionshandels?

Stefan Judisch: Wenn es ein globales System geben wird, kann es nur ein globales marktbasiertes System sein – oder glauben wir an den globalen Regulierer oder gar an den globalen „Gosplan“ (Das staatliche Komitee für die Wirtschaftsplanung in der UdSSR, das die 5-Jahrespläne entwickelt hat)?!

Energieblog: Auf einen globalen Regulierer werden wir uns die nächste Zeit wohl noch nicht einstellen müssen. In Europa können wir aber schon mal „übernationale“ Politik und Regulierung üben. Die Kommission kämpft für den „Internen Energiemarkt“ im EU-Bereich. Was erwarten Sie für das weitere Zusammenwachsen des europäischen Energiemarktes?

Stefan Judisch: Der Stromnetzausbau wird mit dem Ausbau der Erneuerbaren nicht Schritt halten und deshalb zu einer weiteren Re-Fragmentierung europäischer Strommärkte führen. Gleichzeitig werden die Primärenergieträgerpreise weiter konvergieren.

Energieblog: Wie groß sind aus Ihrer Sicht die physikalischen Hemmnisse (grenzüberschreitende Übertragungskapazitäten) im Vergleich zu den nationalen politischen Hindernissen?

Stefan Judisch: Der politische Wille könnte die physikalischen Engpässe beseitigen. Da die Betonung auf „könnte“ liegt, sehe ich auch nur eine Marktkopplung auf absehbare Zeit und keinen vollständigen europäischen Markt.

Energieblog: Wir hatten das Thema IT-/Internetunternehmen und Big Data bereits. Wie erwarten Sie in der Zukunft die Bedeutung der IT für den Energiehandel?

Markus Krebber: Dezentralere Produktion, deren Vernetzung und Nutzung von Flexibilitäten führt zwangsläufig zu höheren Datenvolumen. Deren ökonomische Nutzung wird anderen Anforderungen an die IT-Systeme stellen.

Energieblog: Ist nicht gerade die Kombination mit Flexibilität, Lastabschaltung usw. dafür prädestiniert, von Computern zusammen mit dem Großmarkthandel gesteuert zu werden?

Stefan Judisch: Computer werden eine noch wichtigere Rolle bei der Unterstützung ökonomischer Optimierungsentscheidungen übernehmen. Die Entscheidung selbst wird aber bei Menschen bleiben.

Energieblog: Wenn man das alles zusammen denkt: Wo sehen Sie den „Numerus Clausus“ für eine eigene Handelsabteilung und wo erwarten Sie über Kooperation oder Dienstleister den Markt abgedeckt zu sehen?

Stefan Judisch: Wie in anderen Märkten auch gilt hier die 80/20-Regel. Die 20 Prozent größten Marktteilnehmer werden sich 80 Prozent der verfügbaren Marge teilen, während sich die anderen 80 Prozent der Marktteilnehmer 20 Prozent der verfügbaren Marge teilen müssen und damit eigentlich nicht genug zum Überleben haben. Trotzdem werden es viele weiterhin versuchen. Also muss man entweder zu den 20 Prozent gehören oder in der Nische spielen.

Energieblog: Sehr geehrter Herren, ganz herzlichen Dank für die Zeit, die Sie sich genommen haben, wir wissen das sehr zu schätzen.
 

PS: Zum Handelsmarkt und seine Zukunft führen wir derzeit eine Studie zur Zukunft des Energiehandels durch. Wenn Sie hieran teilnehmen möchten, finden Sie weitere Informationen und den Fragenbogen hier (dt./engl.).