Mein Kraftwerk, dein Kraftwerk, unser aller Kraftwerk

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Ein neues Kraftwerk finanzieren, ganz ohne Bankkredite? Das geht.

Stadtwerke haben eine Geldquelle vor der Haustüre, die auf den ersten Blick nicht unbedingt auf der Hand liegt: ihre eigenen Bürger. Die Bevölkerung vor Ort finanziert Anlagen, für die man sonst die Banken braucht – über so genannte Inhaberschuldverschreibungen. Und zwar keineswegs nur Kleinprojekte, sondern durchaus auch ganze Anlagenparks:

  • Die Stadtwerke Trier haben Anfang 2010 binnen dreier Monate 6,9 Millionen Euro an Bürgerkrediten für eine Photovoltaikanlage akquiriert.
  • Die Stadtwerke Brandenburg an der Havel fanden für die Finanzierung zweier neuer KWK-Blockheizkraftwerke sowie je einer Biogas- und Solaranlage derart viele Zeichner, dass die benötigte Summe von 3 Millionen Euro schon eineinhalb Monate vor Ende der Zeichnungsfrist beisammen war.

    VVS-Pressekonferenz, von li. nach re.: Hr. Reuter, Hr. Fuß, Hr. Dr. Attig, Hr. Edlinger

  • Die Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft Saarbrücken (VVS) ist derzeit (die Zeichnungsfrist endet am 30.4.2011) dabei, sich bei ihren Bürgern insgesamt 10 Millionen Euro zu leihen, u.a. für den Bau eines methangasbefeuerten Blockheizkraftwerks und einer Windkraftanlage.
  • Die Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm haben bereits Anfang 2009 für einen Solarpark in einer Woche 5 Millionen Euro eingesammelt.

Rundum attraktiv

VVS-Wertpapierprospekt-Titel

Bsp. Wertpapierprospekt (VVS)

Für die Bürger ist diese Möglichkeit, als Bankersatz aufzutreten, in mehrerlei Hinsicht attraktiv. Zum einen die Verzinsung: Die Stadtwerke bieten zwischen 3,5 und 6 Prozent – im Vergleich zu dem, was man bei der Bank derzeit bekommt, ist das mehr als stattlich. Als Schuldner brauchen sich die Stadtwerke vor den Finanzinstituten – zumal in diesen Zeiten – auch nicht zu verstecken. Vor allem aber unterstützt man damit die eigene Region – und vielleicht sogar den eigenen Strombezug.

Aber auch für die Stadtwerke hat diese Finanzierungsalternative handfeste Vorteile: Nicht nur kann es generell nichts schaden, sich von den Banken unabhängiger zu machen. Sondern man bekommt auf diese Weise auch noch einen Marketingeffekt geschenkt, der kaum mit Gold aufzuwiegen ist.

Keine Angst vor der BaFin

Allerdings kann man sich, wenn man unvorsichtig vorgeht, dabei auch böse in die Nesseln setzen. Das zeigt das Beispiel der Stadt Quickborn: Die norddeutsche Kleinstadt hatte 2009 bei ihren Bürgern 4 Millionen Euro Kredite eingesammelt, gegen einen Zins von 3 Prozent. Was die Quickborner nicht wussten: Damit hatten sie sich auf ein Feld begeben, das gesetzlich strikt den Banken vorbehalten ist. Wer Einlagengeschäfte dieser Art ohne Erlaubnis der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) betreibt, macht sich strafbar.

Es geht aber auch anders. Man kann nach dem Gesetz einen Kredit aufnehmen, indem man eine so genannte Inhaberschuldverschreibung unterschreibt. Dabei handelt es sich um ein Wertpapier, das besagt, dass man dem Besitzer einen bestimmten Betrag schuldet. Das kann im Prinzip jeder machen, um Bankgeschäfte handelt es sich dabei jedenfalls nicht. Schatzbriefe, Unternehmensanleihen, sogar Fußballfan-Anleihen wie die jüngst von Schalke 04 ausgegebene sind rechtlich nichts anderes als Inhaberschuldverschreibungen.

Wertpapier_Urkunde

Bsp. Wertpapier-Urkunde (VVS)

Die Kraftwerks-Papiere können aber, anders als reguläre Unternehmensanleihen, nur Ortsansässige zeichnen. Im Fall der Saarbrücker Anleihe können beispielsweise nur Bürgerinnen und Bürger der Stadt Saarbrücken sowie Kunden und Mitarbeiter der Stadtwerke von dem Angebot Gebrauch machen.

Für Lokalpatrioten wird das Papier damit nur doppelt attraktiv. Zumal es auch noch schön aussieht: Die oft aufwändig gestalteten Schuldverschreibungs-Papiere verführen dazu, sie einrahmen zu lassen und über den Kamin zu hängen. Wobei dabei Vorsicht am Platze ist: Inhaberschuldverschreibungen berechtigen, wie der Name schon sagt, den Inhaber – also denjenigen, der das Papier in den Händen hält, ob Einbrecher oder rechtmäßiger Eigentümer.

Nicht nur für die Großen

Nach unseren Erfahrungen hält sich der Zeit- und Kraftaufwand in Grenzen: Wenn man alles richtig macht, bekommt man ein solches Projekt vom ersten Konzept bis zur Emission in einem halben Jahr gestemmt. Dazwischen müssen die Verträge aufgesetzt, der Prospekt erstellt, der Segen der kommunalen Gremien und der BaFin eingeholt werden. Es empfiehlt sich, bei der BaFin schon vorab bestätigen zu lassen, dass das Geschäft bankaufsichts- und damit strafrechtlich unproblematisch ist.

Unsere Mandanten sind oft selber überrascht, wie sehr ihnen die Papiere von den Bürgern aus den Händen gerissen werden. Die Projekte, für die das Geld eingesammelt wird, sind häufig Wind- oder Solaranlagen, und in solche umweltfreundlichen Energien stecken die Leute ihr Geld besonders gerne.

In Trier beispielsweise liehen die Bürger ihren Stadtwerken für den Bau einer großen Solarstromanlage  durchschnittlich über 19.000 Euro, bei einem Minimalbetrag von nur 1.000 Euro. Das ist kein Einzelfall – und hängt keineswegs vom Wohlstand der Region ab: Auch in strukturschwachen Regionen sind die Schuldscheine oft schon binnen Wochen weg.

Weitere Projekte sind auf der Website der BaFin zu finden.

Ansprechpartner: Dr. Ines Zenke/Dr. Christian Dessau