Netzstabilität und Industrie (Teil 4): Aus der Sicht eines Aggregators

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Alois Wichtlhuber (c) Entelios

Um das Potential von Industrieunternehmen als Unterstützer der Netzstabilität nutzbar zu machen, braucht es intelligente Hardware- und Softwarelösungen, die genau analysieren, wann welche Systeme hoch- bzw. heruntergefahren werden. Das müssen die Unternehmen nicht unbedingt selbst machen. Vielmehr können sie auf Dienstleister zurückgreifen, die auf Demand-Response-Prozesse spezialisiert sind. Einer dieser sog. Aggregatoren ist die Entelios AG, die bereits seit 2010 operative Erfahrung in Deutschland und Europa in diesem Bereich aufweisen kann. Wir haben mit Alois Wichtlhuber, Mitglied des Vorstands bei der Entelios AG, über seine Erfahrungen mit abschaltbaren Lasten gesprochen (siehe auch unsere weiteren Beiträge Teil 1, 2 und 3).

Energieblog: Sehr geehrter Herr Wichtlhuber, als Aggregator von Lasten besteht Ihr Geschäftsmodell darin, die Flexibilitäten der Industrie zu aktivieren und dem Energiesystem zur Verfügung zu stellen. Finden Sie denn da viel im Moment?

Wichtlhuber: Bei der Industrie ist ganz klar die Bereitschaft vorhanden, ihren Beitrag zur Netzstabilität zu leisten. Energieintensive Unternehmen verinnerlichen das Bereitstellen von Flexibilitäten zunehmend als Teil ihrer eigenen Prozesse. Gleichzeitig gibt es mittlerweile auch die notwendigen technologischen Mittel hierfür. Unternehmen, mit denen wir seit Jahren zusammenarbeiten, steigern ihre Flexibilitäten kontinuierlich und stellen sie dem Energiesystem zur Verfügung: Was vor Jahren mit der Sekundär- und Minutenreserveleistung begann, steigert sich in Richtung Primärregelleistung. Mittlerweile sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir mit langjährigen Geschäftspartnern sogar komplette Standorte abschalten können. Da reden wir über Größen von 20 bis 80 MW. Insofern sehen wir genügend Potential, das es noch zu heben gilt.

Energieblog: Wie beurteilen Sie die weitere Entwicklung in diesem Bereich?

Wichtlhuber: Wenn Sie sich anschauen, wer aktuell wie viel Regelleistung erbringt, wird deutlich, dass die Entwicklung hier weitergehen muss: Kernkraftwerke und Kohlekraftwerke stellen ca. 35 GW an präqualifizierter Leistung zur Verfügung, aus dem Bereich Demand Response sind es 2,4 GW. Die Atomverstromung wird allerdings spätestens 2022 wegfallen, die Kohleverstromung wird sich mehr oder weniger stark im Strommix reduzieren. Wir werden in Zukunft also erhebliche Mengen an Flexibilität ersetzen müssen. Gleichzeitig verschiebt sich das Gesamterzeugungsportfolio in Richtung Erneuerbare Energien und dezentrale Erzeugung – ein weiterer Faktor, der auf Flexibilität angewiesen ist. Demand Response kann und muss hier also eine zunehmende Rolle spielen, denn Flexibilität muss unserer Meinung nach auch zum Großteil von der Verbrauchsseite kommen.

Energieblog: Was müsste denn gesetzlich oder regulatorisch passieren, um das „schlummernde Potential“ der Lasten zu wecken?

Wichtlhuber: In der Vergangenheit ist ja in dem Bereich schon einiges passiert. Wir haben z.B. angeregt, dass die Rolle des Aggregators im Gesamtsystem formal beschrieben wird und die entsprechenden Regeln aufgestellt werden, wie der Aggregator auch im Bilanzkreiswesen seinen Platz finden kann. Dann geschehen aber auch Dinge, die wir eher als Rückschritt sehen. Wie z.B. die aktuelle Diskussion über die Zuschlagsmechanismen in der Regelenergie. Überlegungen in Richtung Änderung des SRL-Marktdesigns und die Einführung eines Arbeitspreisdeckels finden wir nicht zielführend, denn der Arbeitspreis muss sich an den Grenzkosten der Anlagen orientieren und darf konventionelle Anlagen nicht übervorteilen. Das passt nicht zusammen mit unserem Erzeugungsportfolio, das wir mit der Energiewende anstreben. Wir brauchen hier ein diskriminierungsfreies Marktdesign. Da gibt es sicherlich noch einiges zu tun, auch was die Bepreisung der erbrachten Arbeit in der Sekundenregelleistung anbelangt.

Energieblog: Denken Sie bei der Demand Response perspektivisch auch bereits an kleinere Lasten?

Wichtlhuber: Ganz sicher! Wir sind zwar momentan eher auf die „großen Brocken“ fokussiert, die Energiewende muss aber auf allen Netzebenen stattfinden. Ganz besonders im Verteilnetz, wo durch die Erneuerbaren Energien ein hoher Anpassungsbedarf existiert. Erste Pilotprojekte verfolgen wir hier bereits.

Energieblog: Welche Rolle spielt die Digitalisierung dafür?

Wichtlhuber: Was wir bei Entelios als sehr technologieorientiertes Unternehmen machen, basiert im Wesentlichen auf der fortschreitenden Digitalisierung. Sie ist für uns der Schlüssel, um die dezentrale Erzeugung im Rahmen der Energiewende mit einem dezentralen Verbrauch zusammenzubringen.

Energieblog: Sehr geehrter Herr Wichtlhuber, herzlichen Dank für das Gespräch!