Wenn der Roll-out nicht rollt: Der Digitalisierung fehlen die intelligenten Messsysteme

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Dr. Jost Eder / Dr. Andreas Lied

Es gibt wenige Bereiche in der Energiewirtschaft, in denen Theorie und Praxis ähnlich weit auseinanderklaffen wie bei der Digitalisierung. Über Smart Meter und Smart Grid redet man in der Energiepolitik bereits seit fast 10 Jahren. Spätestens seit Inkrafttreten des programmatischen Gesetzes zur Digitalisierung der Energiewende 2016 mit seinem Herzstück dem Messstellenbetriebsgesetz (MsbG) gehört die Digitalisierung zu den wichtigsten Branchenthemen. Zu Recht: Die Digitalisierung verändert die Energiewirtschaft grundlegend und wirkt sich auf unterschiedlichste Geschäftsfelder aus. Im Bereich des Messwesens muss man hinzufügen: theoretisch. Denn der Roll-out der intelligenten Messgeräte kommt einfach nicht ins Rollen. Woran das liegt, erläutern Dr. Andreas Lied (BBHC) und Dr. Jost Eder (BBH).

Energieblog: Sehr geehrter Herr Dr. Lied, sehr geehrter Herr Dr. Eder, lassen Sie uns ganz grundlegend beginnen: Welche Rolle spielt das Messstellenbetriebsgesetz bei der Digitalisierung?

Eder: Das Messstellenbetriebsgesetz ist ein logischer Bestandteil der Digitalisierung in der Energiewirtschaft – allerdings nur für den zentralen Bereich der Mess- und Bilanzierungsdatenverarbeitung. In diesem Gesetz stehen konkrete Vorgaben, wie die Geräte – moderne Messeinrichtungen und intelligente Messsysteme – ausgestaltet sein müssen, die für die Messung von Strom vorgesehen sind. Das Bundesamt für Sicherheit und Informationstechnik (BSI) gibt hier die technischen Anforderungen vor, nach denen sich die Gerätehersteller zertifizieren lassen müssen.

Energieblog: Die gesetzlichen Rahmenbedingen sind also gesetzt. Was ist dann das Problem?

Lied: Das Problem ist, dass bis heute kein Gerät zertifiziert ist, das die Anforderungen erfüllt. Trotz größter Anstrengungen von Seiten der Hersteller ist aktuell noch nicht einmal absehbar, wann die notwendigen Geräte auf den Markt kommen. Meine ganz persönliche Einschätzung lautet: Nicht vor dem Sommer 2019.

Energieblog: Das müssen Sie uns näher erklären. Die technischen Anforderungen sind doch spätestens seit 2016 bekannt?

Eder: Das ist leider nicht ganz richtig. Man muss klar sagen, dass man es bisher vernachlässigt hat, die gesetzlichen Vorgaben und die technologischen Entwicklungen aufeinander abzustimmen. Erschwerend kommt hinzu, dass bei diesem Thema viele Protagonisten beteiligt sind – jeder aber nur seinen unmittelbaren Aufgabenbereich im Auge hat. Das Messstellenbetriebsgesetz befindet sich als ein Teil der Digitalisierung grundsätzlich im Verantwortungsbereich des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi), das BSI hat „nur“ die Datensicherheit im Blick, die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) die eichrechtlichen Implikationen und die Bundesnetzagentur (BNetzA) die Marktprozesse. Die Funktionalität für den Markt wird dabei ganz offensichtlich von niemandem überwacht oder überhaupt bewertet. Das mag angesichts der komplexen thematischen Verknüpfung von regulatorischen, (sicherheits-)technischen und energiewirtschaftlichen Teilaspekten schwierig sein, ist aber dennoch ein klares Versäumnis.

Lied: Richtig ausgebremst haben den Roll-out die gesteigerten Anforderungen seitens des BSI. Die Voraussetzungen für eine Zertifizierung sind mittlerweile so weit hochgeschraubt, dass es teilweise absurd wird. Den Herstellern wird neuerdings z.B. abverlangt, sogar für die Auslieferungsprozesse Sicherheitsanforderungen zu erfüllen. Mit welchen Mitteln setzt man eine sichere Auslieferung um? Sicherheitspersonal? Gepanzerte Fahrzeuge? So kommen wir bei den intelligenten Messsystemen jedenfalls nicht voran.

Energieblog: Bedeuten erhöhte Anforderungen an den Roll-out womöglich auch höhere Kosten?

Eder: Das ist ein weiterer relevanter  Aspekt. Tatsächlich sind die Preisobergrenzen für den Einbau intelligente Messtechnik gesetzlich festgelegt. Diese Obergrenzen spiegeln jedoch nicht die aktuellen Zertifizierungsvorgaben des BSI wider. Das Messstellenbetriebsgesetz sollte daher dringend dahingehend angepasst werden.

Energieblog: Wie ist denn das Stimmungsbild in der deutschen Energiebranche angesichts dieser Unsicherheiten im Roll-out?

Lied: Was schon sehr auffällig ist: Es investiert einfach niemand. Die deutschen Energieversorgungsunternehmen halten sich sehr zurück, zum einen wegen der grundsätzlichen Ungewissheit, zum anderen wegen fehlender zeitlich konkreter Perspektiven der Zertifizierung durch das BSI. Diese Situation hat zu einer völligen Lähmung des Marktes geführt. Schlimmstenfalls kommt es zu einer Parallelentwicklung bei der Digitalisierung der Energiewirtschaft in dem andere Techniken zur Messwertübermittlung eingesetzt werden.

Energieblog: Nach § 30 MsbG wird die Ausstattung von Messstellen mit intelligenten Messsystemen verpflichtend, wenn mindestens drei Unternehmen zertifizierte Geräte zur Verfügung stellen können. Werden drei Unternehmen überhaupt genügend Geräte auf den Markt bringen können, um den Bedarf zu decken?

Eder: Die Produktionskapazitäten der Unternehmen sollten tatsächlich im Auge behalten werden. Die Frage wird aber zunächst sein, anhand welcher Kriterien das BSI die Marktverfügbarkeit intelligenter Messsysteme überhaupt definiert. In der Konsequenz werden die Geräte, die diesen Kriterien nicht entsprechen, nicht mehr zugelassen werden. Der § 30 MsbG birgt demnach sehr weitreichende Rechtsfolgen – ob diese gerichtlich überprüfbar sein werden, ist derzeit noch offen.

Energieblog: Nun ist die Digitalisierung des Messwesens ja kein genuin deutsches Projekt. Haben andere europäische Länder ähnliche Probleme mit dem Roll-out?

Lied: Um ehrlich zu sein: nein. In Frankreich ist der flächendeckende Roll-out eines intelligenten Messsystems namens „Linky“ nahezu problemlos erfolgt. Auch in der Schweiz findet der flächendeckende Roll-out mit einem Minimum von 80 Prozent bereits statt.

Energieblog: Verraten Sie uns, was diese Länder anders machen als wir?

Lied: Ganz einfach: Sie verwenden marktgerechte und verfügbare Sicherheitsmechanismen. Wissen Sie, im Moment sind die Anforderungen an intelligente Messsysteme seitens des BSI so hoch, dass – salopp gesagt – selbst unsere normalen Bank- oder Kreditkarten diesen Ansprüchen nicht gerecht werden würden. Unser kompletter Zahlungsverkehr ist nicht so sensibel organisiert wie es für die Stromverbrauchsthematik vorgesehen ist. Das ist völlig abstrus.

Energieblog: Sehr geehrter Herr Dr. Lied, sehr geehrter Herr Dr. Eder, vielen Dank für das Gespräch!