Wovon wir reden, wenn wir von Energiehandel reden: Im Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden der EEX Peter Reitz

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(c) EEX

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Beschäftigt man sich mit dem europäischen Energiehandel, so richtet sich der Fokus früher oder später zwangsläufig auf die European Energy Exchange (EEX), dem führenden Energiehandelsplatz in Europa. Bei einer Interviewreihe zum Thema Energiehandel darf deshalb auch ein Vertreter der EEX nicht fehlen. Mit Peter Reitz haben wir niemanden geringeren als den Vorstandsvorsitzenden der EEX für ein Gespräch gewinnen können. Peter Reitz hält diese Position seit August 2011 inne. Seine Karriere startete der Diplom-Mathematiker als Produktmanager bei der Deutsche Börse AG in Frankfurt. Bevor er bei der Terminbörse Eurex sein Amt als Mitglied des Vorstands antrat, arbeitete er von 2000 bis 2001 bei Dow Jones Indexes in New York.

Energieblog: Herr Reitz, als Vorstandsvorsitzender der EEX sind Sie hautnah am europäischen Energiehandel dran. Wie entwickelt sich der Markt derzeit?

Reitz: Der Markt befindet sich einem strukturellen Wandel. Wir beobachten, dass der kurzfristige Handel an Bedeutung gewinnt. 2014 wurden am Spotmarkt für Strom der EPEX SPOT 382 TWh gehandelt, das sind 10 Prozent mehr als im Vorjahr. Am rasantesten wächst dabei der Intraday-Handel. Die Volumen am Intraday-Markt sind 2014 um 33 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen; die Volumen der EPEX-Day-Ahead-Märkte stiegen im selben Zeitraum um 9 Prozent. Auch am Terminmarkt sehen wir mehr Aktivitäten in kurzfristigen Fälligkeiten. 2012 führte die EEX am Phelix-Futures-Markt (Marktgebiet Deutschland/Österreich) zusätzlich zu den Jahres- und Monatskontrakten Tages- und Wochenendkontrakte ein. 2013 betrug das Volumen in diesen Kontrakten 0,7 TWh, im Jahr 2014 waren es 4,7 TWh und seit Beginn des Jahres 2015 bereits 5,8 TWh. Aufgrund des großen Interesses starteten wir im Februar 2015 diese kurzfristigen Fälligkeiten auch für den französischen, italienischen und spanischen Terminmarkt für Strom.

Trotz der gestiegenen Volumen in den „ganz kurzfristigen“ Fälligkeiten bleiben die „mittleren Produkte“, also Monate und Quartale, und die langfristigen Jahreskontrakte für die Marktteilnehmer aber weiterhin wichtig zur Risikoabsicherung.

Energieblog: Erfordert dieser Trend auch neue Produkte? Man könnte sich ja vorstellen, dass im Zuge der volatilen Einspeisung neue Formen der Absicherung notwendig sind.

Reitz: Die von Ihnen angesprochene volatile Einspeisung braucht Flexibilität. Als eine der wichtigsten Herausforderungen sehen wir es, der vom Markt geforderten Flexibilität einen Preis und damit einen Wert zu geben. Wir haben einen konkreten Vorschlag für sogenannte „Energiewendeprodukte“ vorgelegt und arbeiten jetzt an der Einführung dieser Produkte.

Energieblog: Das hört sich sehr programmatisch an. Was macht denn ein Produkt zu einem „Energiewendeprodukt“?

Reitz: In der Erschließung und Nutzung von Flexibilität liegt ein wesentlicher Baustein des zukünftigen Strommarktdesigns. Wir wollen den Marktteilnehmern Instrumente an die Hand geben, damit sie ihre Positionen in Situationen ohne Wind und Sonne („dunkle Flaute“) kurzfristig anpassen können, um so Unausgeglichenheiten zwischen Erzeugung und Verbrauch zu vermeiden. Unsere „Energiewendeprodukte“, die wir erstmals auf der diesjährigen E-world vorgestellt haben, erlauben es, Flexibilität handelbar zu machen. Mit diesen Produkten leisten wir aktiv einen Beitrag zur Entwicklung des „Strommarktes 2.0″.

Energieblog: Wie muss man sich das genau vorstellen?

Reitz: Durch den steigenden Anteil Erneuerbarer Energien findet der Stromhandel verstärkt auf dem kurzfristigen Intraday-Markt statt. Auch die Volatilität und das Auftreten von Preisspitzen verlagern sich zunehmend vom Day-Ahead- auf den Intraday-Markt. Wir haben finanziell erfüllte Produkte entwickelt, mit denen sich erstmals am Terminmarkt Preisspitzen am Intraday-Markt absichern lassen. Mit mehr Erneuerbaren wird es schwerer vorherzusagen, wieviel Strom tatsächlich produziert wird. Durch unseren „Cap-Future“ lassen sich Preise absichern, die über einer Preisschwelle (Cap) liegen und von denen vorab nicht bekannt ist, ob sie auftreten, wann sie auftreten und in welcher Größenordnung sie auftreten.

Der Käufer eines Cap-Futures erhält vom Verkäufer für die Stunden, in denen der Intraday-Preis oberhalb des Cap liegt, eine Auszahlung in Höhe der Differenz zwischen dem Marktpreis der betreffenden Stunden und der Höhe des Caps. Damit wirkt ein Cap-Future für den Käufer wie eine Versicherung gegen hohe Preise im kurzfristigen Stundenhandel. Für den Verkäufer hingegen stellt der Preis dieses Futures eine Prämie für die Bereitschaft dar, das Preisrisiko bei Überschreiten des Caps zu übernehmen. Durch den Einsatz eigener flexibler Erzeugungskapazität im Intraday-Markt kann sich der Verkäufer wiederum gegen dieses Risiko absichern. Cap-Futures führen somit zu zusätzlichen Erlösen für flexible Erzeugungskapazität und begünstigen Investitionsanreize in diese Anlagen.

Wir planen den Handel mit Cap-Futures im Sommer 2015 einzuführen und damit als erste Börse Flexibilitätsprodukte anzubieten. Darüber hinaus wollen wir auch weitere ergänzende Energiewendeprodukte, zum Beispiel Wetterderivate, anbieten.

Energieblog: Flexibilität ist also nicht nur eine Sache für die Netzebene, sondern auch für den Markt?

Reitz: Beides ist wichtig. Wir brauchen den Ausbau der Netze, insbesondere auch grenzüberschreitend. Sie sind die Grundlage für einen effizienten Großhandelsmarkt. Zugleich ist es auch wichtig, dass die Märkte sich weiterentwickeln. Ihre Aufgabe ist es, neue Produkte bereitzustellen, um die Herausforderungen der Energiewende erfolgreich zu meistern.

Dass Märkte „lernfähig“ sind bzw. Innovationen für die Bedürfnisse hervorbringen, ist nichts Neues. In den letzten Jahren wurde eine Reihe von Produkten entwickelt und eingeführt, welche den Trend zum verstärkten „Kurzfristhandel“ unterstützen: Am Spotmarkt waren das bspw. die 15-Minuten-Kontrakte am deutschen Intraday-Markt (2011) oder die im Dezember 2014 gestartete Intraday-Call-Auction. Ein Beispiel am Terminmarkt ist die Einführung von kurzfristigen Fälligkeiten wie Wochen (2010), Tage und Wochenenden (2012). Im Intraday-Markt der EPEX SPOT können Kontrakte heute bis 45 Minuten vor Lieferung gehandelt werden und wir arbeiten derzeit daran, diese Vorlaufzeit weiter zu verkürzen.

Allerdings gibt es auch technische Restriktionen und Vorlaufzeiten, die eingehalten werden müssen. Wir gehen zum Beispiel davon aus, dass es weiterhin die Notwendigkeit eines separaten Regelenergiemarktes zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit geben wird.

Energieblog: Nun betrifft das alles den sog. Energy-only-Markt. Ist es aus Ihrer Sicht sinnvoll, für die Vorhaltung von Leistung einen weiteren Markt zu etablieren?

Reitz: Wir sehen keine Notwendigkeit für Leistungs- bzw. Kapazitätsmärkte. Aus unserer Sicht gilt es, die Potentiale des Marktes auszuschöpfen, bevor noch zusätzliche Subventionsmechanismen wie Kapazitätsmärkte in Gang gesetzt werden, deren Wirkung noch nicht eingeschätzt werden kann. Die Diskussionen um nationale Kapazitätsmärkte blenden zudem die Realität eines weitgehend integrierten europäischen Marktes aus. Netzausbau und Versorgungssicherheit müssen europäisch gedacht werden.

Energieblog: Sehr geehrter Herr Reitz, ganz herzlichen Dank für die Zeit, die Sie sich genommen haben. Vielleicht sehen wir uns ja auf unserer Energiehandelskonferenz am 15. Juni in Berlin.