Der Preis am Strommarkt steigt – Was nun?

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(c) BBH

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Was sich als erfolgreich erweist, das wiederholt er gerne. Das gilt auch für alle, die für Unternehmen die Beschaffung der erwarteten Strombedarfsmengen koordinieren. Zur verinnerlichten und liebgewordenen Praxis der vergangenen Jahre ist es geworden, den Langfristchart des Jahresbandes auszudrucken, an die Büro-Pinnwand zu heften und aus 3 Meter Abstand auf die Notierungen zu schauen. Eine Linie von links oben nach rechts unten signalisiert bekanntes Terrain und ist Gewohnheitstieren in Fleisch und Blut übergegangen. So weit so gut, Beschaffungsstrategie erledigt.

Aber halt, irgendwas ist nun anders auf dem Chartbild. Auf dem Großhandelsmarkt für Strom ist etwas in Bewegung geraten. Auf dem Terminmarkt für Stromgroßhandelsprodukte haben in den letzten Monaten erstmals seit 2011 die Preise über längere Zeit zu steigen begonnen. Die Quotierungen ziehen an, begleitet durch eine sprunghaft steigende Marktvolatilität, vor der die Verantwortlichen in den Beschaffungsabteilungen der Energieversorger und Energiemanager großer Letztverbraucher seit einigen Wochen die Augen reiben. Auch der preisliche Vorteil, sich Strom auf dem Spotmarkt zu beschaffen anstatt vorab Termingeschäfte abzuschließen, hat sich verringert und ist zuletzt nahezu komplett vom Tisch verschwunden.

Ältere Gewohnheitstiere erinnern sich dunkel an die Jahre 2008 und 2011. Es ist wie ein Déjà-vu: Alle erwarten etwas anderes, und die Geschäftsleitung drängt, eine fundierte Meinung zum Marktsentiment zu präsentieren. Glaskugeln werden wieder poliert und die Berechnung charttechnischer Indikatoren auf Einsatzfähigkeit geprüft. Volatilität ist der beste Freund des Traders, aber zeitgleich auch der größte Feind des Gewohnheitstiers, macht sie doch die Entscheider im Unternehmen tagein, tagaus nervös.

„Gewinne werden im Einkauf gemacht?“

Man muss sich darauf einstellen, dass der Markt aktuell keine klare Richtung mehr hat und eine Tendenz nicht unmittelbar abzuleiten ist. In Zeiten mittelfristig seitwärts tendierender Stromgroßhandelspreise am langen und kurzen Ende des Terminmarkts und anziehender Notierungen am Spotmarkt wird es langsam notwendig, die eigene Beschaffungsstrategie im Portfoliomanagement der vergangenen Jahre auf Zukunftstauglichkeit in den Blick zu nehmen.

Dies bedeutet auch, die Beschaffungshandbücher zu entstauben, damit es bei weiter anhaltend anziehender Preise kein böses Erwachen gibt. Die Beschaffungszeitpunkte zu wählen wird schwieriger. Das Risiko, etwas falsch zu machen, steigt. Die zur guten Tradition gewordene Hedging-Praxis der strategischen Unterdeckung im Beschaffungsportfolio der vergangenen Jahre (Short-Strategie) dürfte somit der Geschichte angehören. Ob dies nun bedeutet, dass beispielsweise eine Preisindexierung, eine Ausdehnung des Beschaffungszeitraumes, eine stärkere Produktdiversifizierung und/oder eine engere Betreuung der Industrie- und Gewerbekunden das Gebot der Stunde ist, hängt von den Rahmenbedingungen und Präferenzen des jeweiligen Stadtwerkes ab.

Ansprechpartner: Marcel Malcher/Matthias Puffe